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OJM-Expedition #4: PAUL ARMA – ein Leben in 303 Opuszahlen und 3.000 Zeichen


Genau für Komponisten wie Paul Arma ist die Reihe der OJM-Expeditionen in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum erdacht worden: Einen ästhetisch innovativen und künstlerisch produktiven Komponisten, für den der Holocaust eine jähe Zäsur bedeutete, lebendig und sichtbar werden zu lassen. Und hierin lässt sich auch schon die grundsätzliche Herausforderung dieser Reihe erkennen: Wer in Vergessenheit geraten ist und nicht aufgeführt wird, von dem ist oft nicht viel überliefert oder das Material, das diese dunklen Jahre des Krieges und der Verfolgung „überlebt“ hat, schlummert in irgendwelchen Privatarchiven, ist meist nicht oder kaum aufgearbeitet bzw. schwer der Öffentlichkeit zugänglich.

Paul Arma, um den es in der nächsten OJM-Expedition am Donnerstag, 7. Juni geht, ist ein Paradebeispiel dafür. Selbst „das“ Musiklexikon unter den Musiklexika, das 26-bändige und inzwischen auch online ständig erweiterte Mammutwerk MGG – Musik in Geschichte und Gegenwart beinhaltet zwar eine ausführliche Werkliste (Armas Werk umfasst 303 Opuszahlen), doch nimmt das Leben und musikalische Schaffen des gebürtigen Ungarn gerade mal folgende gut 3.000 Zeichen ein:


Arma, Paul (eigentlich Weisshaus, Imre)

*22. Oktober 1905 in Budapest, †November 1987, Komponist, Pianist und Ethnomusikologe. Arma studierte Klavier an der Budapester Musikakademie bei Béla Bartók (1921–1924), der seine Liebe zur Volksmusik weckte und dessen Rat er auch später noch oft suchte. Arma begann seine Laufbahn als Mitglied des Budapester Klaviertrios (1925/26). Zwischen 1924 und 1930 übte er eine rege Konzerttätigkeit in Europa und in den USA aus; darüber hinaus hielt er Vorlesungen über zeitgenössische Musik an amerikanischen Universitäten. 1931 siedelte er nach Deutschland über, und für einige Zeit leitete er die musikalischen Aktivitäten am Dessauer Bauhaus: Er hielt Vorlesungen über zeitgenössische und experimentierte mit elektronischer Musik. Später (1931–1933) wohnte er in Berlin und Leipzig und dirigierte kleinere Chöre und Orchester. Durch die Machtübernahme der Nazis nach Paris getrieben, fand er dort seinen endgültigen Wohnort. (Als Jude und Antifaschist wurde er 1933 von der Gestapoverhaftet und einer Scheinhinrichtungunterzogen; seine Manuskripte wurden verbrannt. Es gelang ihm die Flucht nach Paris, wo er den Namen Paul Arma annahm. Anm. d. Red.) Zu Beginn arbeitete er für den Rundfunk: Er war als Solopianist tätig und begründete und leitete die Reihe Loisirs Musicaux de la Jeunesse (1936–1940). Gleichzeitig war er Mitglied der Commission Interministrielle des Loisirs de l’Enfance (1936–1938). Während des Krieges war Arma gezwungen, im Untergrund zu leben. Nach dem Krieg widmete er sich vor allem der Komposition; daneben unterrichtete er an der Phonothèque Nationale und an der Pariser Universität (1949), er redigierte Programme für den ORTF, veröffentlichte Schriften über Musikfolklore und begab sich auf Konzert- und Kongressreisen nach Europa, Amerika und Afrika. Von den 1950er Jahren an arbeitete er in der musique concrète-Gruppe des ORTF. 1962 wurde er Ritter des Ordre des Arts et des Lettres und Mitglied auf Lebenszeit des Institut International des Arts et des Lettres. Er sammelte und veröffentlichte französische und europäische Volkslieder, Lieder des französischen Widerstandes und amerikanische Spirituals.

78 international renommierte Künstler entwarfen Titelgrafiken für Paul Armas Partituren. In der OJM-Expedition #4 - Paul Arma am 7. Juni im NS-Dokumentationszentrum München sind oben gezeigte Kompositionen zu hören. Die Grafiken auf den Deckblättern stammen von Paul Klee, Victor Vasarely und Willy Anthoons.

Als Komponist ist Arma hauptsächlich durch seine experimentellen Werke bekannt. In einem Vortrag an der Harvard-Universität 1943 besprach Bartók ein Lied ohne Wortevon Arma als Beispiel einer revolutionären Annäherung an die Musik, die er als Übertreibung bewertete. Armas Interessen an Avantgarde-Bestrebungen waren eng mit seiner Solidarität mit einfachen Menschen und Kindern verknüpft. Daher rührte auch sein Interesse für Musikpädagogik und für die Komposition didaktischer Stücke. Ein anderes Betätigungsfeld von Arma ist die Volksmusik, und zwar – wie schon bei Bartók – die Volksmusik aller Völker. Außer seinen eigentlichen Volksliedbearbeitungen gebrauchte er volksmusikalische Elemente in zahlreichen ›freien‹ Kompositionen. Er versuchte durch die Bewahrung der musikalischen Tradition auch das Überleben natürlicher Gemeinschaften zu fördern. Seine Chorkompositionen – darunter wieder Volksliedbearbeitungen – dienen größtenteils diesem Zweck. Viele seiner Instrumentalwerke beziehen die Ergebnisse seiner Forschungen über Polyrhythmie und Polyphonie ein. Seine elektroakustischen Kompositionen, besonders in den 1950er Jahren, erregten großes Aufsehen.

(Quelle: JÁNOS MALINA, Art. Arma, Paul, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 1999, online veröffentlicht 2016, https://www-1mgg-2online-1com-1jvd8i9o6057d.emedia...)


Wie bekommt man also einen solchen Menschen und sein musikalisches Schaffen, der lexikalisch in 3.000 Zeichen gebannt ist, wieder lebendig? Zuallererst: Man spielt Musik von Paul Arma. Und dann: Man lässt Daniel Grossmann recherchieren. Das Ergebnis ist zu hören und erleben am kommenden Donnerstag in der OJM-Expedition: Paul Arma.

Und für die Besucher des Konzerts bieten wir vorab um 17 Uhr eine Führung durch das NS-Dokumentationszentrum an. Tickets hierfür für 6 Euro pro Person sind in begrenzter Anzahl nur im OJM-Büro erhältlich – einfach anrufen unter 089 122 89 599 oder eine E-Mail schreiben an info@o-j-m.de

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