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​Nachhall x 2 = Emotion hoch 2




Heute endet das Lichterfest Chanukka, die achte Kerze wurde gestern Abend entzündet. Und in ein paar Tagen brennt auch die vierte Kerze des Adventskranzes, Weihnachten und der Jahreswechsel stehen bevor. Das OJM verabschiedet sich bald in die zweiwöchige Winterpause, doch zuvor möchten wir unsere beiden letzten Projekte Revue passieren lassen: zwei Konzerte sehr unterschiedlicher Art; zwei Erlebnisse, die uns aufgrund ihrer Besonderheit, ihrer Emotionalität und ihrer Resonanz im Gedächtnis bleiben werden.


Als alle OJM-Musiker am späten Nachmittag des 8. Dezember zum ersten Mal die Kammer 1 der Münchner Kammerspiele enterten, erfüllte uns vorfreudige Euphorie: All unsere Überlegungen lösten sich sofort ein, der wunderschöne Jugendstilraum war perfekt für Stummfilmvorführungen! Das Kammerspiel-Personal empfing uns nicht nur in einem gut vorbereiteten Saal, sondern auch mit gastfreundlicher Herzlichkeit. Die Musiker begannen sich einzuspielen, die Leinwand füllte sich mit den satten, kontrastreichen, emotionsgeladenen Potemkin-Bildern — es knisterte, und damit waren nicht die (noch) tonlosen Leinwandbilder gemeint! Nach kleinen Änderungen in der Orchesteraufstellung hatten wir auch die akustischen Verhältnisse im Griff, die einstündige Generalprobe, die vielmehr eine Anspielprobe war, konnte beginnen. Noch kurz in die Kantine, sich stärken, oder ab nach draußen in die frische Luft, denn wenig später ging es los.

In der gut gefüllten Kammer 1 hieß Dirigent Daniel Grossmann die Zuschauer zu unserem Auftakt der Stummfilmreihe Flimmerkammer willkommen und erzählte u.a., dass Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin ein Auftragswerk der sowjetischen Regierung war; Stichwort: Propaganda. Das Ziel des Filmes ist die volle Identifizierung des Publikums mit einer Seite; dementsprechende filmische und musikalische Mittel wurden teils subtil, meist sehr direkt und durchweg sehr effektvoll eingesetzt. Mit welcher Seite es sich identifizieren soll, wollte Daniel Grossmann nicht verraten … Gelächter war die Antwort des Kammerspiel-Publikums.
Grossmann kündigte eine weitere „Premiere“ an, es war dann eher eine entschuldigende Erklärung: zum ersten Mal in der Geschichte des zwölfjährigen Bestehens spielt das OJM in einer rein männlichen Besetzung. Bis zur letzten Probe war auch noch eine Klarinettistin dabei, doch diese hatte andere Verpflichtungen, schließlich hat sie tags zuvor ein Kind zur Welt gebracht.


Der Film begann. Sechs Akte, sechs Mal Spannungsaufbau hin zu sechs Höhepunkten, die sich gegenseitig übertrumpfen. Suspense, der sich körperlich manifestiert. Paukenschläge, die sich in der Magengegend festsetzen, sich hämmernd ausbreiten — totale Atemlosigkeit war zu spüren. Endlich die Erlösung: Verbrüderung und Solidarität auf der Leinwand, minutenlanger, tosender Applaus in der Kammer 1. Überwältigung und endlich wieder Durchatmen. Ein grandioser Flimmerkammer-Auftakt. „Meisterhaft umgesetzt“, schrieb die SZ im Nachgang (hier die ganze Kritik nachlesen).

Und wir freuen uns schon auf die Flimmerkammer #2 am 17. Januar. Auf dem Programm steht Der Student von Prag — der erste Kunstfilm, der mit einem satanischen Handel und erstaunlichen Spezialeffekten überrascht!

Am nächsten Tag startete ein Kontrastprogramm: Geprobt wurde zwar wieder Filmmusik, doch die von Hanns Eisler zum ersten Dokumentarfilm über das KZ-Auschwitz: Nacht und Nebel von Alain Resnais von 1955. Bei der ersten Probe sah nur der Dirigent den Film dazu — er hatte ein kleines Notebook vor sich, um Bild und Ton synchron zu halten. Die Eisler-Musik wirkte ohne Bildebene teilweise schwülstig, fast kitschig. Am Sonntag kam der junge Sprecher Benedict Sieverding dazu, er las den Text in der Bearbeitung/Übersetzung von Paul Celan; das Notebook wurde umgedreht, die Bilder wurden für alle sichtbar. Die Gesichter der Musiker veränderten sich, der gewollt nüchtern vorgetragene Celan-Text entfaltete seine Schärfe, die Eisler-Musik hörte sich plötzlich wie ein zynischer Kommentar an.

Montag, 11. Dezember, die Generalprobe begann um 11 Uhr. Diese Bilder, die wahr sind und doch so unfassbar, erfassten den Hubert-Burda-Saal des Jüdischen Zentrums. Sie erfassten auch uns, die Mitarbeiter des OJM, die in den Stuhlreihen saßen und sich erneut fragten, ob es richtig sei, diesen Film ins Programm zu nehmen, ob die gut 150 Schüler, die heute Abend kommen werden, auch richtig vorbereitet sind. "Wir können ja sagen: Wer es nicht erträgt, soll rausgehen." — ein Vorschlag, der uns immer wieder in den Sinn kommt und der jedes Mal sogleich wieder verworfen wird. Wieso soll man das, was passiert ist, nicht zeigen, nicht ansehen? Zudem ist dem Film ein Gespräch vorangestellt, das genau thematisiert, was der Holocaust mit den Nachfolgegenerationen zu tun hat, und das auch die Absurdität der Schlusstrichdebatte begründet.

Eva Umlauf, die mit zwei Jahren das KZ-Auschwitz überlebt hat, ist Daniel Grossmanns Gesprächspartnerin. Sie ist eine kraftvolle Frau, zart in der Erscheinung mit jugendlich-fröhlichem Gesicht und von einer einnehmenden Freundlichkeit. Eine Stunde vor Konzertbeginn wurde mit ihr der Ablauf ein letztes Mal durchgesprochen. Eine halbe Stunde vor Beginn öffneten sich die Türen, die Aufregung stieg, die Stuhlreihen füllten sich mit Jugendlichen, Abonnenten und Freunden und mit neuen Gesichtern — ein durchmischtes Publikum, wie man es sich gemeinhin wünscht, nimmt Platz.


Während des 30-minütigen Gesprächs herrschte volle Aufmerksamkeit. Wir erfuhren von Eva Umlaufs Biographie, aber auch von Daniel Grossmanns Familiengeschichte und den vorhandenen Traumata. Eva Umlauf berichtete davon, wie unaufgearbeitete Traumata von Generation zu Generation weiter gegeben werden. Nur wenn man darüber spricht, sich damit beschäftigt, wird ihrer Erfahrung nach diese Weitergabe unterbrochen, zumindest abgeschwächt. Sie begann die Aufarbeitung sehr spät: Nach einem Herzinfarkt 2014 schrieb sie ihre Geschichte in dem Buch Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen nieder.
Dann die Filmvorführung. Es wurde noch ruhiger im Saal. Und dunkler. Was soll man nun darüber schreiben? Der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff hat es versucht, nachzulesen ist sein Text auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung.


Die letzte Note ist gespielt, die Leinwand blieb schwarz und die Hände wollten sich nicht so recht zum Applaus formen. Doch irgendwann war diese Form der Erlösung Willkommen, zögerlich ertönte ein leises Klatschen. Hinter der Bühne lag man sich in den Armen, bedankte sich meist wortlos oder mit einem kurzen „Danke“. Vor der Bühne blieben Grüppchen sitzen, ließen das Erlebte sacken, besprachen sich. Auch im Foyer bestand Gesprächsbedarf. Man mochte, man konnte nicht so recht hinaus, zurück ins eigene Leben. Es war richtig, es gemacht zu haben.

Mit diesen Emotionen hoch 2 verabschieden wir uns in die Winterpause, wünschen euch einen wunderbare, erholsame Zeit und ein gesundes neues Jahr 2018 mit hoffentlich vielen spannenden OJM-Begegnungen!

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